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Haben Sie Vorurteile? Nein? Keine?

Dann lesen Sie, was die Neurowissenschaft dazu sagt, denn…

…unser (jedes) Gehirn verzerrt die Realität.

In dem kurzen Zeitraum zwischen dem Wahrnehmen einer Information und dem Erreichen dieser Information an unserem Bewusstsein, haben wir sie bereits in etwas Einzigartiges verwandelt. Unser Gehirn hat sie so rekonstruiert, dass sie sich bequem in unsere bestehenden Gehirn- Muster einfügen lässt.

Rekonstruktion der Realität ist die Grundlage, auf der wir alle unsere Überzeugungen aufbauen. Selbst wenn wir uns nur auf evidenzbasierte wissenschaftliche Erkenntnisse konzentrieren, interpretieren wir jede erforschte Tatsache durch unsere eigenen, oft rosa gefärbten Gläser.                                                                                                                  Diese Interpretationen werden unbewusst aus Annahmen, Verallgemeinerungen, Täuschungen und Fehlern geformt.

Forscher nennen dieses Phänomen „Verzerrung des blinden Flecks“.  Das bedeutet nichts anderes, als  dass die meisten Menschen nicht erkennen, wie viele kognitive Verzerrungen sie tatsächlich haben und wie oft sie ihnen zum Opfer fallen.

Hier sind einige kognitive Vorurteile (Glaubenssätze, Überzeugungen) – vielleicht erkennen Sie das eine oder andere auch bei sich?

Freunde und Familie:
Wir haben die Tendenz zu glauben, was uns von Familienmitgliedern und engen Freunden erzählt wird. Die Fakten werden selten überprüft.

Autoritäten:
Wir neigen dazu, Menschen zu glauben, die Macht- und Statuspositionen einnehmen. Ihre Quellen überprüfen wir nicht.

Attraktivität:
Wir schenken großen und attraktiven Menschen mehr Glaubwürdigkeit, weil unser Gehirn nach ästhetisch ansprechenden Dingen sucht.

Bestätigung:
Wir heben Informationen hervor, die unseren Glauben unterstützen. Wenn sie dem widersprechen ignorieren wir sie oder lehnen sie ab.

Überzeugungen werden in unsere neuronalen Schaltkreise eingebettet. So können selbst widersprüchliche Beweise die bestehenden Verbindungen im Gehirn nur schwer durchbrechen.

Eigene/ fremde Gruppe:
Wir hinterfragen selten die Überzeugungen von Mitgliedern unserer Gruppe, weil unser Gehirn die Konformität mit anderen sucht.

Die Überzeugungen von Menschen außerhalb der Gruppe lehnen wir hingegen ab, wenn sie nicht mit unseren übereinstimmen.

Gruppen-Konsens:
Je mehr andere Menschen mit uns übereinstimmen, desto wahrscheinlicher gehen wir davon aus, dass unsere Überzeugungen wahr sind. Je weniger Menschen mit unseren Ansichten einverstanden sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir daran zweifeln und sie ablehnen. Selbst dann, wenn sie korrekt sind.

Projektionsverzerrungen:
Ohne es zu überprüfen gehen wir davon aus, dass andere Menschen ähnliche Überzeugungen, und Moralvorstellungen haben und die Welt auf ähnliche Weise sehen. Die Central Intelligence Agency (CIA) stuft das als eine der gefährlichsten Verzerrungen ein, weil verschiedene Kulturen und verschiedene Persönlichkeitstypen (wie z.B. Terroristen), eben nicht so denken, wie wir.

Erwartung:
Bei Recherchen neigen wir dazu, das Gesuchte zu „entdecken“. In der Medizin versuchen doppelblinde Studien, diese allgegenwärtige Verzerrung auszuschließen.

Die Magie der Zahlen:
Zahlen beeinflussen unseren Glauben wegen der starken quantitativen Funktionen des Gehirns. Je größer und dramatischer sie sind, desto größer ist deren emotionale Wirkung.

Bullshit:
Kontraintuitive Informationen (außergewöhnliche Behauptungen, die den Gesetzen der Wissenschaft widersprechen) faszinieren uns. Je unglaublicher sie sind, desto mehr versucht das Gehirn, sie zu verstehen. Das Ergebnis: Wir glauben am Ende mehr an Pseudowissenschaften als an echte Wissenschaft!

Ursache und Wirkung:
Unser Gehirn ist prädisponiert, kausale Verbindungen zwischen zwei Ereignissen herzustellen, auch wenn kein solcher Zusammenhang besteht. Wenn wir eine rote Blume kauen und unser Halsweh verschwindet, schreiben wir die Heilung der Blume zu. Es könnten aber auch dutzend andere Faktoren eine Rolle gespielt haben.

Wahrnehmung:
Unser Gehirn geht automatisch davon aus, dass unsere Wahrnehmungen und Überzeugungen objektive Wahrheiten über unser Selbst und die Welt widerspiegeln. Das führt zu dem Spruch „ich glaube nur, was ich sehe“.

Ausdauer:
Selbst bei widersprüchlichen Beweisen: Sobald wir an etwas glauben, bestehen wir darauf, dass wir Recht haben. Und je länger wir bestimmte Überzeugungen aufrechterhalten, desto stärker werden sie in unseren neuronalen Schaltkreisen verankert. Das hängt mit der Bullshit-Verzerrung zusammen. Je mehr Menschen behaupten: „an apple a day keeps the doctor away“, desto mehr glauben andere, dass das wahr ist!

Positive Erinnerung:
Wenn wir über die Vergangenheit nachdenken, neigen wir dazu, uns Ereignisse in einem positiveren und günstigeren Licht in Erinnerung zu rufen, als zum Zeitpunkt ihres Auftretens.

Logik:
In der Regel glauben wir nicht an Fakten und Theorien, die für uns keinen Nutzen haben.

Überzeugung:
Wir sind eher geneigt, jemandem zu glauben, wenn er seinen Standpunkt dramatisch und emotional vertritt.

Unsicherheit:
Unser Gehirn mag Unsicherheit und Mehrdeutigkeit nicht; deshalb ziehen wir es vor, entweder zu glauben oder nicht zu glauben, anstatt unsicher zu bleiben.

Emotion:
Starke Emotionen stören in der Regel Logik und Vernunft. Wut erschafft den Glauben an Berechtigung und Rechthaben. Angst untergräbt solche Überzeugungen.

 

NeuroTipp:

Bevor Sie Ihre Meinung vertreten, machen Sie eine kurze Pause. Atmen Sie tief ein und wieder aus. Denken Sie nach: ist das wirklich meine Überzeugung, oder könnte es eventuell eine andere Sichtweise geben? Dann entspannen Sie Ihre Gesichtszüge und hören dem anderen aufmerksam zu. Und dann entscheiden Sie neu.

 

Verwandte Publikationen:
Behav Brain Sci. 2017 Jan;40:e43. doi: 10.1017/S0140525X16000649.
Attractiveness bias: A cognitive explanation.

Adv Chronic Kidney Dis. 2016 Nov;23(6):346-350. doi: 10.1053/j.ackd.2016.11.018.

Cognitive Bias and the Creation and Translation of Evidence Into Clinical Practice.

 

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