Gelassenheit, Stress
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Ein Abendessen in der Toskana…

und die Folgen einer gespeicherten Erinnerung

Toskana, endlich. Endlich der lang ersehnte Urlaub. Zuhause ist es schon kalt, doch hier können wir  im Sommerkleid unter Olivenbäumen sitzen und den Hunden beim Spielen zusehen. Hier fahren keine Autos, nicht einmal Motorräder, denn die kleinen Gassen sind viel zu schmal dazu. Und überhaupt verirrt sich niemand hierher, der nicht hier wohnt. Wir, das sind meine Freundin Barbara und ich.

Eine halbe Stunde Autofahrt von dem kleinen Bergdorf entfernt, in dem wir ein Häuschen gemietet haben, liegt die Stadt Lucca. Ihr historisches Zentrum ist umgeben von einer breiten und sehr hohen Stadtmauer aus der Renaissance; die autofreie Innenstadt hat kleine, kopfsteingepflasterte Gassen. Überall fährt man Rad, zwischen den vielen Touristen hindurch. Niemand klingelt oder ist ungeduldig, jeder ist entspannt, niemand scheint es eilig zu haben.

Giacomo Puccini, der große Komponist, ist hier geboren.

Nach ein paar entspannenden Tagen im Bergdorf hatten wir Lust nach italienischem Flair. Wir wollten Lucca erkunden und uns dann ein Abendessen in einem der entzückenden Restaurants gönnen, die um die ehemalige Gladiatoren-Arena herum entstanden sind.

Zufrieden und glücklich saßen wir dann auch endlich bei einem Glas Wein unter dem Sternen-Himmel. Wie war das Leben schön und die Welt in Ordnung!

Mit weniger als mäßigem Italienisch, das wir sprechen und weniger als schlechtem Englisch, das unsere Bedienung spricht, bestellten wir unser Abendessen: Fisch. Ob wir eine Vorspeise wollten? Aber selbstverständlich! Machen Sie doch bitte einfach, was Sie für gut und richtig halten, wir freuen uns auf alles!

Die reizende Kellnerin schenkte uns Wein nach, und verschwand.

Nach einiger Zeit kehrte sie, breit lächelnd, mit zwei Tellern zurück. Auf jedem ein Baby-Tintenfisch, seine kleinen Tentakel auf dem Körper drapiert. Nun, so dachte ich, war das kein Fisch. Aber ein einziges solcher Meeresungeheuer wollte ich essen, denn es war ja sehr klein. Barbara genoss ihre Vorspeise in vollen Zügen, während ich versuchte, beim Schlucken möglichst nicht zu atmen. Der Wein half.

Unsere stets lächelnde Bedienung servierte die zweite Vorspeise: Pulpo. Pulpo, so muss man wissen, ist nichts anderes als ein Krake. Ein Krake mit riesigen Tentakeln und Saugnäpfen. Auf meinem Teller befanden sich Saugnäpfe auf Kartoffelmus. Meine Freundin war entzückt, ich hingegen hatte die größten Schwierigkeiten. Wieder half mir der Wein, mich nicht unhöflich zu verhalten. Aber geschafft, jetzt konnte es nur noch wunderbar werden: der Fisch!

Die reizende Bedienung kam mit zwei Tellern, und darauf war: Spaghetti mit Meeresfrüchten! Babs bedankte sich überschwänglich, ich war verzweifelt. Während sie bei jeder Gabel ihren Hochgenuss kommentierte, war ich jetzt wirklich in der Bredouille: Denn die Früchte des Meeres schienen noch Schleim abzusondern. Wie geschmolzener durchsichtiger Käse, der sich mit den Nudeln zieht. Ich konnte den aufsteigenden Reiz in meiner Kehle spüren, doch ich behielt Contenance.

Es half nichts, ich musste da durch. Jetzt. Also, wieder mithilfe reichlichen Weines, meisterte ich auch diese Herausforderung. Ohne durch einen Schluckreiz gestört zu werden wanderten die Spaghetti mitsamt ihrem sie begleitenden Getier in meinen Magen.

Mein Weinkonsum veranlasste meine Freundin zu einem, wie ich fand unangemessenen, Kommentar.

Das Vanilleeis zur Nachspeise ließ mich das Abendessen-Abenteuer schnell vergessen, und irgendwann lag ich dann auch in meinem Bett im Häuschen im Bergdorf mit den schmalen Gassen in der Toskana.

Nach einiger Zeit wache ich auf. Mir steht „es“ bis zum Kehlkopf. Nur nicht bewegen, dann geht es vielleicht vorbei. Doch wie war das noch vor 10 Jahren? Ich spüre das Rumoren in meinem Bauch. Ohweh… Plötzlich finde ich mich in Deauville, an der Küste der Normandie. Ich sitze mit meinem Lebenspartner in einem Restaurant in der Sonne. Auf dem Tisch steht eine riesige Etagére mit Meeresfrüchten auf Eis: Alle roh! Und in der Sonne! Ich überlasse dem Herrn der Schöpfung das Vergnügen und esse Brot. Einige Stunden später kollabiert er auf einer fremden Toilette und wird mit Blaulicht ins nächste Krankenhaus geschafft. Ich sitze an seinem Bett und betrachte betrübt die Nadel in seinem Arm, durch die das rettende Medikament langsam tropft.

Und jetzt? Wie war das damals, was hatten die Sanitäter gesagt? Nach wieviel Stunden genau setzt die Vergiftung ein? Waren es sechs Stunden? Acht? Ich stehe auf und sehe nach der Uhr: Sechs Stunden waren vergangen seit dem Tintenfisch. Wenn es aber der Pulpo war? Wann hatte ich den gegessen? Oder waren es doch acht Stunden? Egal. Es musste alles vorbereitet werden: Ich ziehe mir einen Pullover an und Socken, für den Fall, dass ich auf dem Steinboden kollabiere. Alle verfügbaren Handtücher lege ich bereit, eines vor die Toilette. Damit ich mich besser hinknien können würde. Der Weg von der Toilette zum Bidet und der Dusche ist nicht weit. Das könnte ich schaffen, ohne, dass es allzu peinlich werden würde.

Dann lege ich mich wieder ins Bett. Wann würde Barbara mich wohl finden? Erst am Morgen natürlich, sie stand immer spät auf. Und wie sollte bitte der Notarztwagen zu unserem Haus kommen? Gar nicht, das war klar. Vielleicht eine Trage? Das würde gehen. Aber würde genug Zeit für mich bleiben um zu überleben? Das weiss ich nicht…über diesem Gedanken schlafe ich wieder ein.

Am Morgen wache ich auf. Quietschfidel. Es war nichts passiert. Oder doch?

Nur in meinem Kopf.                                                                                                               Eine vor langer Zeit gespeicherte Erinnerung wurde automatisch „herausgeholt“. Jetzt, da nichts passiert war, wird diese Erinnerung modifiziert abgespeichert, also mit einem „Update“. Wenn ich das nächste Mal Meeresfrüchte serviert bekomme, wird sich nicht mehr dasselbe Szenario in meinem Kopf abspielen. Vielleicht werde ich sogar eines Tages in der Lage sein, einen gewissen Genuss beim Essen zu verspüren.

Aber wir wollen es nicht übertreiben: In Zukunft werde ich weiterhin lieber etwas anders essen. Spaghetti aglio olio zum Beispiel, da kann nicht viel passieren…

NeuroTipp:

Bevor Sie automatisch auf eine Situation reagieren (so wie ich), ATMEN SIE. Jetzt haben Sie den Automatismus in Ihrem Gehirn unterbrochen und können sich bewusst mit der Situation beschäftigen. Urteilen Sie neu und reagieren Sie dann auf eine modifizierte Weise.

 

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